Dein Österreichisches Wörterbuch
Gai , ins Gai foan
in ländliche Gebiete fahren ( machen bei uns noch Bäcker und Metzger)
Kategorie: Arbeitswelt
Erstellt am: 12.12.2007
Bekanntheit: 60%
Beurteilung: 2 | 0
Kommentar am 13.01.2008
hob wida g´strutt im google zu Gai , ins Gai foan
Liebe Frau Andrea,
mein Onkel ist Bäcker und leitet Schilderungen von besonders witzigen oder skurrilen Erlebnissen oft mit den Worten ein: "Wenn ich ins Gei gefahren bin ..." Ich habe ungefähr zwanzig Jahre gebraucht, um herauszufinden, dass er damit die Hauszustellung von frischem Brot und Semmeln in aller Herrgottsfrüh meint. Woher kommt dieser Ausdruck?
[http://bureau.comandantina.com/archivos/2005/01/gei.php]
Liebe Bettina,
"ins Gei" zu fahren bezeichnet jene Handelsform, bei der Handwerker entlegene Höfe belieferten. Das Gei ist eng mit dem Gau verwandt und kommt von einem Wort, das vor tausend Jahren noch "gewi", "gouwi" ausgesprochen wurde. Man vermutet, dass es von einem noch älteren germanischen "ga-awjo" kommt, einem "Ge-aue", in dem unsere heutige "Au" aber auch das germanische Gewässerwort "Ach" oder "Ache" steckt. Das "Geaue" oder "Geache" bezeichnet also ein (bewohntes) Gebiet, das von Wasser durchflossen wird, wie die Landschaften Aargau und Thurgau, Breisgau und Allgäu, Pinzgau, Tennengau, Pongau und Nibelungengau. Wegen ihrer historischen Belastung ist die Bezeichnung Gau in Deutschland und Österreich in der öffentlichen Verwaltungsnomenklatur nicht mehr gebräuchlich. Ins Gei - ins Gebiet - fährt man meistens von der Stadt aus.
Kommentar am 15.06.2008
nicht nur für 'von der Stadt aufs Land'
Jedenfalls im Mühlviertel: 'ins Gai foan' ist schlicht und einfach die Hauszustellung, nicht nur von Brot und Gebäck, auch Fleischhauer, Obst- und Gemüsebauern und andere fahren teils immer noch 'ins Gai', das heisst von ihrem Wohnort aus in die nähere oder weitere Umgegend. Manche legen da sogar 50 km und mehr zurück (zu meinen Eltern im oberen Mühlviertel ist regelmässig ein Bauer aus Eferding hinaufgefahren, weiss nicht, ob er das noch immer tut).
Ausserdem wird dieselbe Wendung auch im übertragenen Sinn benutzt: 'jmd ins Gai gehn' heisst generell jemandem in die Quere kommen. Herleitung ist relativ einfach, das 'Gai' betrachten die Händler sozusagen als 'ihr' Gebiet, wenn ein Konkurrent im selben Gebiet verkauft, dann geht er ihm 'ins Gai'.
Ein Bewusstsein, dass 'ins Gai fahren' so etwas wie 'von der Stadt aufs Land fahren' bedeuten würde, existiert in meiner 'alten' Heimat Mühlviertel jedenfalls nicht.
Kommentar am 07.05.2012
Zustimmung für sokol
Ich kann sokol nur zustimmen: "ins Gai foahn" heisst einfach die Zustellung von Waren auf entlegene Bauernhöfe oder auch in andere Dörfer und bezeichnet das "Revier" eines Fleischhauers, Bäckers odgl. Auch jemandem "ins Gai geh" für in die Quere kommen ist ein gebräuchlicher Begriff im Waldviertel.
Kommentar am 18.02.2017
Beim Eipeldauer ist's noch anders: keine ländliche Gegend, und die Liefer- oder Zustelltätigkeit ist auch nicht grad ein Muss.
Im Folgenden ist es wohl der Geschäfts- oder Aktionsbereich:
Briefe eines Eipeldauers an seinen Herrn Vetter in Kakran über d’Wienstadt, Bd. 8 (1800):http://tinyurl.com/hlcwlyf
Briefe eines Eipeldauers an seinen Herrn Vetter in Kakran über d’Wienstadt, Bd. 2 (1794):http://tinyurl.com/j33ppwc
Adolf Bäuerle, Der Fiaker als Marquis. Komische Oper in drey Acten.(1821):http://tinyurl.com/htkdexq
Kommentar am 18.02.2017
2 eher unterschiedliche Definitionen fürs "Gey", wie man's noch im 19. Jh. schreibt hab ich gefunden: eine, die dem nahekommt, wie es heute noch offenbar verstanden wird:
Zauner, Neue Chronik von Salzburg (1818):http://tinyurl.com/jqejx63
Mathias Koch, Ueber die älteste Bevölkerung Oesterreichs und Bayerns (1856):http://tinyurl.com/jazhufa
Karl Ludwig Gieseke, “Der” travestirte Aeneas. Farce mit Gesang, in 3 Akten (1800):http://tinyurl.com/zoyckmm
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