Dein Österreichisches Wörterbuch

gehaut, g'haut

durchtrieben, listig


Art des Eintrag: Adjektiv

Kategorie: Zwischenmenschliches

Erstellt am: 19.07.2019

Bekanntheit: 0%

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Kommentar am 19.07.2019
Ich bin da auf etwas Sonderbares gestoßen. Lebt das noch? Laut ÖWB ist „gehaut“ (zu „hauen“) mundartlich und bedeutet „durchtrieben, schlau, listig“. Und Duden online sagt:

gehaut Adjektiv Bedeutungen (2) a) durchtrieben, gerissen, listig, schlau; Gebrauch österreichisch umgangssprachlich
Duden:https://tinyurl.com/y5ohwwpz
Zwar konnte ich nur Beispiele aus dem letzten Jahrhunderts finden, kein einziges aus der Gegenwart, doch auf einer slowakischen Seite findet man die Gleichsetzung von „gehaut“ mit abgefeimt - ausgekocht - ausgepicht - gerieben, wenn ein Kerl mit jeder dieser Eigenschaften einem „prefíkaný chlap“ entspricht., s. Slovník.sk https://tinyurl.com/y3t2lwq8

Kommentar am 19.07.2019
Aus Südtirol:
Die Verhandlung gegen den Jäger-Nazl gestaltete sich schwieriger als erwartet. Der Naz war ein Gehauter.
Maria Buol., „Das Kind des Verbrechers“, 1948, Gutenberg: https://tinyurl.com/y4w9jofz
Ein Deutsch-Böhme:
Sie merkten bald, dass ihnen Schrenk einen ganz gefinkelten Vertreter geschickt hatte.(...) Schwarzer: "Na, was sagst du? - Ein gehauter Kerl, wie?" "Das will ich meinen!.
Hans Multerer, „Der himmelblaue Wagen“, 1935/2018 : https://tinyurl.com/yyasghb6
Sogar Franz Werfel:
Da aber Bernadette sich tadellos aufführt, (...) wird in der Schneiderin der Verdacht ... wieder wach, das Mädel sei eine ganz durchtriebene und gehaute Schwindlerin,
Werfel, „Das Lied von Bernadette“, 1941. Gutenberg: https://tinyurl.com/y64ftj4c


Kommentar am 21.07.2019
Erstaunlich: Nicht nur in (alt)österreichischen Texten wie angeführt, auch bei einem Kurt Tucholsky begegnet einem in jener Zeit ein solches „gehaut“:
Warum schreibt zum Beispiel nicht einmal ein alter gehauter Fuchs, dessen Fell das Leben gegerbt hat, was man alles mit dem Menschen nicht tun darf!
Tucholsky, „Essays und Glossen“, Ges. Schriften 1907-1935: https://www.textlog.de/tucholsky-anweisung.html
Oder z. B. unter seinem Pseudonym „Peter Panter“ in der „Weltbühne“ am 28.02.1928:
Brecht ist ein Gehauter – ... Er zwinkert – hat er uns hineingelegt? Ich glaube, er hat es ein paar Mal versucht, er ist wohl böse von Natur und ein bißchen tücksch
Tucholsky, „Bert Brechts Hauspostille“:https://www.textlog.de/tucholsky-bert-brecht.html


Kommentar am 21.07.2019
Das in diesem Sinn wohl am häufigsten gehörte „gehaut“ wird wohl jenes aus dem „Walzertraum“ von 1908 sein: „O du lieber, o du g’scheiter, o du ganz gehauter Fratz“ Die Librettisten waren ein Wiener und einer aus der Bukowina. Hören könnt man's hier (vom deutschen Fritz Wunderlich): https://www.youtube.com/watch?v=JgXlaLG3bjk

Kommentar am 12.08.2019
Ob aber dieses Wort tatsächlich von "hauen" kommt und nicht einen völlig anderen Ursprung hat, den man aufgrund der üblichen Schreibung und der vermeintlich "ordentlichen" Aussprache nicht für möglich halten würde? Doch da spottet einer:
Derselbe Klassikophilologe /Anm.: gemeint ist Prof. Alexander Gaheis (1869-1942) / treibt in den „Wiener Blättern für die Freunde der Antike" die Freundschaft zur Antike so weit, daß er z. B. auch im wienerischen „g'haut" = gewitzigt (z. B. „g'hauter Kerl", „o du g'scheidter, o du ganz gehauter Fratz") ein lateinisches Wort erkennt:[b] cautus (zu caveo)[/b] = vorsichtig.
Adolf J. Storfer, Im Dickicht der Sprache, 1937, Text Archive.org: https://tinyurl.com/y2ef6kwx


Kommentar am 12.08.2019
Die Existenz eines solchen Wortes war ja schon dem Vater der etymolog. Wörterbücher aufgefallen, als er 1895 in seinem Wb. dt. Studentensprache schrieb: [ quote:Friedrich Kluge, Deutsche Studentensprache (1895): https://tinyurl.com/y5zfqolc] kaut - vorsichtig, verschmitzt ("ein kauter Kerl") 1831[/quote] Kluge bezog sich dabei auf den „Flotten Bursch“ von Ragotzky:
[b]Cauter.[/b] Dies ist ein cauter Kerl, d. h. ein Mensch, der sich nicht so leicht fangen läßt, sondern, wie man zu sagen pflegt, sich immer eine Hinterthür reservirt
C. B. von Ragocky, Der flotte Bursch oder Neueste Sammlung von ... burschicosen Redensarten (Leipzig 1831): https://tinyurl.com/y3quffgg
Hatte das ein Leipziger Bursche bei Wiener Studenten aufgeschnappt? Ans „g’haut“ hat man damals offensichtlich nicht gedacht!

Kommentar am 04.11.2019
Er schaut aus wie ein frommes Waserl, ist aber [b]g'hauter[/b] als der Spannweit
Franz Werfel, Barbara oder die Frömmigkeit: https://tinyurl.com/y4znwrm7
Franz Werfel hat "g'hauter" offenbar nicht für ein Wort mit lateinischer Herkunft (cautus) gehalten, denn im "Lied von Bernadette" hat er ja "gehauter" geschrieben (wenn das nicht von einem Verlagslektor "geschönt" worden ist).

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gehaut, g'haut






Österreichisches Deutsch bezeichnet die in Österreich gebräuchlichen sprachlichen Besonderheiten der deutschen Sprache und ihres Wortschatzes in der hochdeutschen Schriftsprache. Davon zu unterscheiden sind die in Österreich verwendeten bairischen und alemannischen Dialekte.
Teile des Wortschatzes der österreichischen Standardsprache sind, bedingt durch das bairische Dialektkontinuum, auch im angrenzenden Bayern geläufig.

Einige Begriffe und zahlreiche Besonderheiten der Aussprache entstammen den in Österreich verbreiteten Mundarten und regionalen Dialekten, viele andere wurden nicht-deutschsprachigen Kronländern der Habsburgermonarchie entlehnt. Eine große Anzahl rechts- und verwaltungstechnischer Begriffe sowie grammatikalische Besonderheiten gehen auf das österreichische Amtsdeutsch im Habsburgerreich zurück.

Außerdem umfasst ein erheblicher Teil des speziell österreichischen Wortschatzes den kulinarischen Bereich; einige dieser Ausdrücke sind durch Verträge mit der Europäischen Gemeinschaft geschützt, damit EU-Recht Österreich nicht zwingt, hier fremde deutschsprachige Begriffe zu verwenden.
Daneben gibt es in Österreich abseits der hochsprachlichen Standardvarietät noch verschiedene regionale Dialektformen, hier im Besonderen bairische und alemannische Dialekte. Diese werden in der Umgangssprache sehr stark verwendet, finden aber keinen direkten Niederschlag in der Schriftsprache.

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