Dein Österreichisches Wörterbuch

Schlurfschale , die, -, keine

Bekleidungsstil der Wiener Arbeiterjugend in der NS-Zeit


Art des Eintrag: Substantiv

Kategorie: Kleidung

Erstellt am: 21.05.2020

Bekanntheit: 0%

Beurteilung: 0 | 0

Kommentar am 21.05.2020

Sie hüllten sich in weite, oft bis zu den Knien reichende doppelreihige Sakkos in Nadelstreif oder großen Mustern und auffälligen Farben. Dazu gehörten überlange, sehr weite Hosen mit hohen Stulpen, Krawatten in grellen Farben oder Halstücher und Halbschuhe mit möglichst dicken aufgedoppelten Sohlen. ... Da das Oufit entscheidend, aber mühsam zu bekommen war, ging man sorgfältig damit um. ... Die komplette »Schlurfschale« wurde nur zu besonderen Gelegenheiten hervorgeholt: Bei Gruppenaktivitäten, zum Besuch von Tanzlokalen und am Wochenende. Werktags - die Schlurfs entstammten vorwiegend der Arbeiterschaft - blieben nur die Zigarette und die Frisur übrig.
Gloria Sultano, Wie geistiges Kokain. Mode unterm Hakenkreuz, 1995: https://tinyurl.com/ybzmjdyc


Kommentar am 21.05.2020
Die Schlurfs, eine marginale Gruppe Jugendlicher aus Wiener Arbeiterkreisen, behaupteten sich mit ihrer Vorliebe für Swing und exzentrisch-modische Kleidung sowohl gegen die proletarische Stammkultur als auch gegen den Unterdrückungsapparat des NS-Systems. Die Schlurf schale bestand aus einem weiten, bis an die Knie reichenden doppelreihigen Sakko mit Nadelstreifen o.ä. und überlangen, sehr weiten Hosen mit Aufschlag. Ergänzt wurde der Anzug durch Krawatten oder Halstücher in grellen Farben, Schuhe mit möglichst dicken Sohlen, einen weit im Nacken sitzenden oder in die Stirne gezogenen Hut, pomadisierte Haare mit „Schwalbenschwanz“ sowie eine betont lässige Körperhaltung.
Anna-Brigitte Schlittler, „Zylinder und Schlurfschale“, FKW - ZS f. Geschlechterforschung und visuelle Kultur Nr. 40 (2005): 1017-1028-1-PB.pdf


Kommentar am 22.05.2020
Unübersehbar orientierte sich die Schlurfschale am Zoot Suit, also an jenen Anzügen, die in den 1930er Jahren von jungen Schwarzen in Harlem getragen wurden.
Anna-Brigitte Schlittler, Zylinder und Schlurfschale. Frauen Kunst Wissenschaft 40 (2005), Anm. 27, S. 57
Eine Bedeutungsebene scheinen die Schlurfs nicht speziell reflektiert zu haben: die Verwendung von Ausdrucksformen der unterbürgerlichen Halbwelt. Die ‚zoot suits', die das Vorbild der ‚Schlurfschale Schlurfschale' darstellten, der ‚coole' und katzenhafte Habitus, gehörten in den Hollywoodstreifen meist zu Gangsterfiguren.
Kaspar Maasse, Das Recht der Gewöhnlichkeit, Tübingen 2011: https://tinyurl.com/ya5v6p3g
Zum Zoot Suit - den auch Al Capone trug - s. (mit Foto) https://de.wikipedia.org/wiki/Zoot_Suit_(Stil)

Um neue Kommentare einzufügen oder an einer Diskussion teilzunehmen, einfach auf das Österreichische Volkswörterbuch gehen.

Schlurfschale






Österreichisches Deutsch definiert die in Österreich gebräuchlichen sprachlichen Besonderheiten der deutschen Sprache und ihres Wortschatzes in der hochdeutschen Schriftsprache. Davon zu unterscheiden sind die in Österreich benutzten bairischen und alemannischen Dialekte.
Teile des Wortschatzes der österreichischen Standardsprache sind, bedingt durch das bairische Dialektkontinuum, auch im angrenzenden Bayern geläufig.

Einige Begriffe und zahlreiche Besonderheiten der Aussprache kommen aus den in Österreich verbreiteten Mundarten und regionalen Dialekten, viele andere wurden nicht-deutschsprachigen Kronländern der Monarchie entlehnt. Eine erhebliche Anzahl rechts- und verwaltungstechnischer Begriffe sowie grammatikalische Besonderheiten gehen auf das österreichische Amtsdeutsch im Habsburgerreich zurück.

Außerdem umfasst ein großer Teil des speziell österreichischen Wortschatzes den kulinarischen Bereich; einige dieser Ausdrücke sind durch Verträge mit der Europäischen Gemeinschaft geschützt, damit EU-Recht Österreich nicht zwingt, hier fremde deutschsprachige Begriffe zu verwenden.
Daneben gibt es in Österreich abseits der hochsprachlichen Standardvarietät noch verschiedene regionale Dialektformen, hier im Besonderen bairische und alemannische Dialekte. Diese werden in der Umgangssprache sehr stark verwendet, finden aber keinen direkten Niederschlag in der Schriftsprache.

Hinweis: Das vom Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Forschung mitinitiierte und für Schulen und Ämter des Landes verbindliche Österreichische Wörterbuch, derzeit in der 44. Auflage verfügbar, dokumentiert das Vokabular der deutschen Sprache in Österreich seit 1951 und wird vom Österreichischen Bundesverlag (ÖBV) herausgegeben. Unsere Seiten und alle damit verbundenen Seiten sind mit dem Verlag und dem Buch "Österreichisches Wörterbuch" in keiner Weise verbunden.

Unsere Seite hat auch keine Verbindung zu den Duden-Nachschlagewerken und wird von uns explizit nicht als wissenschaftliches Werk betrachtet, sondern als ein Gemeinschaftsprojekt aller an der österreichichen Sprachvariation interessierten Personen.